Friday Fail #57 – Jennifer Rostock: Hengstin

Hurrah! Die Welt geht unter und trotzdem war es so unglaublich ruhig um meine liebevoll herzerwärmenden Friday Fails. Mir hat wie üblich kein Thema gefehlt, nur das Publikum meines Blogs hätte womöglich die Meisten meiner Äußerungen falsch verstanden und da halt ich doch lieber die Klappe bevor ich auf dem Scheiterhaufen lande.

Meine Rückkehr zu meinen Lieblingseinträgen könnt ihr auf Jennifer Rostock und ihr neues Video schieben. Ich schreibe hier absichtlich Video, da das Lied besonders der Text hingegen ok ist. Jennifers Gesang ist zwar mal wieder gewöhnungsbedürftig, aber das ist hier nun mal egal.

Hier geht es eigentlich mehr um die Fortsetzung eines lang lang vergangenen Friday Fails Eintrag. Dieser nannte sich „Bitte mehr Kleidung“ und umfasste mein Entsetzen der Popkultur gegenüber, dass Frauen immer nackt bzw halb nackt gezeigt werden müssen, wenn sie vor die Kamera treten und dass das Video zum Lied „Girls“ von The 1975 absolut nicht zum dazugehörigen Video passt.

Gleiches trifft auch auf das Video von dieser schnuckeligen Popband zu. Natürlich haben die ihr Ziel erreicht: In kürzester Zeit 2 Mio Videoaufrufe. (Die Werbeeinnahmen, die schon jetzt damit generiert wurden, lassen wir mal außen vor.) Aber Aufmerksamkeit hin oder her – möchte man für so eine Kontroverse in den Mündern aller sein? Verkauft man dadurch mehr Alben? Wird man als potentieller Käufer und Fan durch das Überangebot an Berichten und Kommentaren zu diesem Thema nicht irgendwann abgestumpft und genervt von dem Thema?

Natürlich singt sie über Selbstbewusstsein und den Käfig in dem Frauen stecken aber auch zum Teil stecken lassen. Aber der Text ist kurios. Wir leben in einer Welt und besonders Zeit in der die Binarität der Geschlechterrollen langsam und zum Glück verschwindet. Man muss nicht das eine oder das andere sein. Weswegen man nicht gleich eine Art männliches Getier (hier Hengstin) sein muss, nur damit man nicht mehr „schwach ist“. Damit macht sich die liebe Jennifer selbst zum Opfer dieser sinnlosen Binarität.

Selbstbewusste Frau = Mann?

Dieses Buzzwort „Hengstin“ ist natürlich prägnanter als zum Beispiel „Starke Stute“ (und wieso muss ich noch stark anfügen, damit das weibliche Pentant dem männlichen ebenbürtig ist?) aber trotzdem ist ein Hengst ein Herdentier. Eine kurze Suche auf Google später, lernte ich just in diesem Moment, dass der Hengst die Herde von hinten schützt. Ergo Herdentier. Wenn wir schon von herdenlosen männlichen Tieren singen wollen, dann doch bitte mit der richtigen Art Tier. Wie wäre es mit dem Elefantenbullen? Leider ist die Konnotation nicht ganz so wie die beim Hengst. Schade eigentlich, denn der Elefant hat keine natürlichen Fressfeinde.

Übrigens ist man mit „Hengstin“ wieder eine Art Mann. Will man aber eine Art Mann sein, damit man eine selbstbewusste Frau ist? Schon ein bisschen absurd, oder?

Ich bin eigentlich nur traurig darüber, dass etwas mit gutem Vorsatz so schlecht umgesetzt worden ist. Das Lied zur AfD war doch der Knüller, nur wieso kommt bei Liedern über Feminismus nur immer so ein Lurks bei rum?

Falsch kopiert.

Da es sehr offensichtlich ist, dass dieses Video von Beyoncés Formation Video inspiriert ist (siehe Haare, Tanzperformance gegen Ende und auch irgendwie der Beat – jedenfalls habe ich den schonmal irgendwo gehört…), kann ich dieses auch ohne schlechtes Gewissen mit ins Spiel bringen. In eben jenem singt Queen B auch über Feminismus (ja, ich weiß, über den von farbigen Frauen). Und wie nackt ist sie? Ich würde mal behaupten, dass sie nicht freizügiger als sonst durch die Gegend springt. Am Anfang und am Ende ist sie sogar das Gegenteil. Das zeigt doch wie Ernst sie ihre Botschaft meint.

Jennifer meint ihre Botschaft sicher auch Ernst, aber mit ihrem verkrampften splitterfasernackten Auftritt hat sie diese Aussage direkt wieder revidiert oder verweichlicht. Feminismus hat für mich etwas mit Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung zu tun. Da ist es auch egal ob mit oder ohne Kleidung. Wenn man sich nackt unwohl fühlt, dann zieht man sich nicht in der Öffentlichkeit aus. Wenn man sich nackt wohl fühlt, dann kann man das auch zeigen. Nur war mein erster Gedanke beim Anblick der Nude-Szenen im Video nicht der: „Hey, die ist ja selbstbewusst und cool.“ sondern vielmehr der „Muss das sein?“.

Ihre Haltung zeigt mir auch nicht diese Wut, die sie mit diesem Lied ausdrücken will. Sie spielt eher verstecken (haha Witz!) und zieht sich in sich zurück. Wie gesagt, nackt oder nicht, diese offensichtliche Einbringen von Sex Sells finde ich unter aller Sau. So eine Effekthascherei hat dieses Video doch eigentlich gar nicht nötig. Die hätten sie doch in einer wirklich selbstbewussten Pose filmen und dann letztendlich die prekären Stellen mal nicht überblenden müssen. Aber selbst wenn sie überdeckt worden wären, hätte dieser Ansatz auch die gesellschaftsnormenkonforme Menschheit aufgebäumt. Rein vom Kompositorischen wurden die Bilder aber gut von der Kamera eingefangen – um mal was positives zu erwähnen.

Wie dann?

Eine Frau darf nicht anspruchslos und schüchtern sein, damit man sie respektiert. Sie darf ihren eigenen Kopf haben und das machen und aussehen wie sie möchte. Sie darf auch mit ihrem Körper machen was sie möchte. Wenn sie ihn zeigen möchte nur zu. Die meisten wissen nur nicht, wie sehr sie unter den Konventionen der Gesellschaft stehen und wie wenig Selbstbestimmung in ihren Handlungen steckt. Viel wichtiger finde ich aber, dass eine Frau etwas im Kopf hat.

Die Szenen in denen Jennifer in einer Gruppe aus weiß gekleideten Menschen tanzt finde ich am besten und kompositorisch auch unheimlich stark und interessant. Stellt euch mal vor wie viel geiler das Video geworden wäre, wenn dieser Teil nicht nur ein Ausschnitt, sondern das ganze Video umfasst hätte.

Und nein, nur weil dieses Video jetzt in aller Munde ist heißt es noch lange nicht, dass die Aussage in aller Munde ist. Die Aussage ist, wie ich hier aufgezeigt habe nicht wirklich gut (gelinde gesagt) umgesetzt worden. Was hilft es denn eine gut gemeinte aber beschissen dargebotene Aussage zu publizieren? Nichts. Hass erzeugt Hass, genau wie Kontroversen andere Kontroversen erzeugen.

Nicht ohne Grund gibt es jetzt die ultra chauvinistische Antwort „Stute“ von Bass Sultan Hengzt. Wenn sie sich so zeigt, provoziert sie eben so eine Art von Antworten. Außerdem macht sie sich nebenbei zur Witzfigur und am Schlimmsten finde ich ja eigentlich, dass sie ihre Rolle als eigentliches Vorbild für zukünftige weibliche Generationen vollkommen in die Tonne tritt. Jedes 14-jährige Mädchen denkt jetzt doch, dass man nackt sein muss um etwas zu erreichen und das ist mehr als nur Quark.

… und ein paar Gedanken zum Schluss.

Wäre die Aussage gut bis sogar sehr gut verpackt gewesen, hätte es zwar länger gedauert bis halb Deutschland dieses Video gesehen hätte, aber die Reaktionen wären andere gewesen und man hätte sich auf die Aussagen des Texts und nicht auf das Video und Jennifers Brüste konzentriert. Ein Video soll doch nur das Lied untermalen und sich nicht verselbstständigen. Wenn es andersherum sein soll, sollten sich Jennifer Rostock überlegen in die Filmbranche zu wechseln.

Ich bin mir auch sicher, dass der positive Hype wesentlich länger gehalten hätte als der jetzige negative. Oder wie seht ihr das?

Ein Gedanke zum Schluss: Wenn eine Frau nur mit den von Gott gegebenen Dingen ihre Ziele erreichen will beziehungsweise diese in den Vordergrund stellt, heißt es für mich eigentlich, dass sie nichts anderes zu bieten hat. Wir sind mehr als nur unsere Genitalien!